Hallo zusammen,

Da es über die Monate immer mal wieder Nachfragen gab: die Liste sind nur Beispiele. Solange es jetzt keine Nachrichten sind und ihr der Meinung seid, es könnte andere Menschen interessieren, dann stellt es uns anderen Nutzern vor, erzählt was euch daran gefällt und warum ihr es mit uns teilt. Blogpost, Sachbuch, egal. Nur Memes und Nachrichten würde ich ausnehmen, da daraus schon der große Rest des Fediverses besteht.

Was habt ihr in der letzten Woche so an tollen Büchern gelesen, Filme geguckt, Spiele gezockt, Musik entdeckt, Museen oder Veranstaltungen besucht, … ?

  • Augustiner@lemmy.world
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    13 days ago

    Ich habe eine Ödon von Horvàth Woche. Aktuell lese ich gerade Jugend ohne Gott dazu nächste Woche dann mehr.

    Der ewige Spießer

    Horváth hat schreib hier einen wunderbar sarkastisch-augenzwinkernden Stil, der an eine Art bayerischen Skaz erinnert. Da ich selbst aus München komme, habe ich mich deshalb sofort zu Hause gefühlt, und zwar nicht nur im Ton, sondern auch in den Figuren, die er beschreibt.

    Die ursprünglich aus den Kurzgeschichten „36 Stunden” und „Der ewige Spießer” bestehende Erzählung ist das vernichtende Porträt eines Menschentypus, der auch heute noch den Kern unserer Gesellschaft bildet. Horváth kritisiert die kleinbürgerliche Mitte der Gesellschaft, die von Abstiegsängsten, Opportunismus, Egoismus, Rassismus und anderen -Ismen geplagt ist und blind Ideologien hinterherläuft, ohne diese zu verstehen oder deren Folgen abschätzen zu können. Dies ist aber deshalb keine reine Anklage gegen den spießigen Mittelstand. Zwischen den Zeilen können wir lesen, dass es da mehr gibt, dass das System den Spießer braucht, wie der Spießer das System braucht.

    Anhand von Fräulein Pollingers Geschichte zeigt Horváth die vernichtende Macht unserer patriarchalen Gesellschaft. Am Beispiel von Kobler zeigt er den Opportunismus und die wandelbare Moral, die der Kapitalismus von seinen Subjekten verlangt. Reithofer ist der Einzige, der uns ein wenig Hoffnung auf Solidarität gibt, wenn auch leider zulasten von Fräulein Pollingers starker feministischer Darstellung. Doch auch das ist realistisch: Minderheiten können in unserer Gesellschaft ohne die Unterstützung von (weißen) Männern nicht gewinnen.

    Ödon von Horváth war ein weitsichtiger Mensch. Das beweist er eindrücklich: So diagnostiziert und beschreibt er hellsichtig den Aufstieg des Faschismus in Deutschland und die Kräfte, die später einmal im Zweiten Weltkrieg gipfeln würden, und von denen man auch heute leider wieder einige in unserer Gesellschaft finden kann.

    Der ewige Spießer ist immer noch unter uns.

    Geschichten aus dem Wiener Wald

    Wie schon in „Der ewige Spießer” zeigt Horváth auch in seinen „Geschichten aus dem Wiener Wald”, dass er ein weitsichtiger Meister der Sprache war. Geschickt verflicht er hochdeutsche Bildungssprache und Wiener Dialekt zu einem Kunstwerk, das die Ignoranz und den Faschismus der Sprechenden immer wieder durchblicken lässt. Untermalt von Walzermelodien zermalmt das Patriarchat hier das Leben einer jungen Frau, die nichts weiter verbrochen hat, als ihre eigenen Entscheidungen treffen zu wollen. Das Setting des Dramas, die gemütliche und nette Welt des 8. Wiener Bezirks, bildet einen starken Kontrast zu Mariannes tragischem Abstieg. Durch diese Doppeldarstellung von heiler Welt und Untergang werden die vermeintliche Normalität und die bürgerlich-hohle Sittlichkeit der Spießbürger als unmenschlich und dumm enttarnt. Horváth nimmt sich die kleinbürgerliche Idylle der Wiener Gemütlichkeit vor und schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Erich Kästner bezeichnete dieses Werk als „ein Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück”. Treffender lässt es sich nicht sagen.