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Cake day: June 29th, 2023

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  • Im Westen nichts Neues ist bisher mein einziges Buch von Remarque. Hast du Empfehlungen was dir sonst noch von ihm gefallen hat?

    Zugegebenermaßen hat mich der Mordplot auch weniger interessiert als der persönliche Wandel des Lehrers und die gesellschaftliche Atmosphäre des Stücks. Soziale Beobachtungsgabe und Umgang mit Sprache sind für mich eher Horvaths Stärken als Handlung. Soviel ich weis war das aber auch für Ihn eher der Fokus. Er wollte das bürgerlich Spießige kritisieren, das er als heuchlerisch und falsch betrachtete und für den Aufstieg des Faschismus mit verantwortlich machte.


  • Habe meine Ödön von Horvath Lektüre fortgesetzt. Ich habe sie in chronologischer Reihenfolge gelesen und es ist erschreckend, wie klar er den Aufstieg des Faschismus festhält und wie leicht man Parallelen in die aktuelle Zeit ziehen kann. Gleichzeitig ist es aber auch toll zu sehen, wie dieser talentierte Mensch in jedem seiner Werke auf unterschiedliche Arten mit unserer Sprache spielt. Auf jeden Fall hier was ich diese Woche gelesen habe:

    Jugend ohne Gott

    Horváth inszeniert hier meisterhaft die Geschichte eines Mannes, der den Mut zum Widerstand gegen ein faschistisches System entwickelt und die Göttlichkeit der Wahrheit erkennt. Das tut er wie immer mit seinem bemerkenswerten Geschick für Sprache, die hier der Hauptfigur des Lehrers angemessen etwas Träumerisches und fast Verspieltes hat. Auch seine außerordentlich scharfe Beobachtungsgabe für das aktuelle Zeitgeschehen und die Stimmung seiner Mitmenschen machen diesen Roman zu einer faszinierenden Vignette aus dem Leben in einem totalitären faschistischen Staat. Der Mordplot, den Horváth als Handlung für seine Erzählung wählt, ist trotz der Kürze der Erzählung komplex ausgebaut und seine Figuren fühlen sich wie immer real und tiefgründig an. Bemerkenswert ist auch, dass Horváth hier aus der Ich-Perspektive schreibt, was den Leser näher an das Geschehen bringt, gleichzeitig aber auch immer leichte Zweifel zulässt, ob sich das alles wirklich so zugetragen hat, wie beschrieben.

    Ein Kind unserer Zeit

    Jugend ohne Gott und Ein Kind unserer Zeit sind in vielerlei Hinsicht Zwillinge. Beide handeln von Außenseitern, die sich mit dem faschistischen System, in dem sie leben, arrangieren müssen. Doch hier startet Horváth von einer entgegengesetzten Ausgangsposition. Der Soldat und Erzähler hier ist, anders als der Lehrer-Erzähler in Jugend ohne Gott, komplett indoktriniert und Teil des Systems. Er spricht in stakkatohaften Parolen und Propagandasätzen, weigert sich zu denken und spürt für seine Mitmenschen und sogar seinen Vater nur Verachtung und Hass. Bis er selbst die Konsequenzen seiner Ideologie spürt und anfängt, nicht nur Parolen zu schreien, sondern Fragen zu stellen, dauert es ein wenig. Das Ende der Handlung ist nicht die Katharsis, die man sich wünschen würde, und die Lektion, die der Soldat lernt, ist bestenfalls fragwürdig, aber dennoch angemessen für dieses Buch. Als wären der Inhalt und die Botschaft nicht genug, zeigt Horváth hier noch einmal, wie brillant er sein Handwerk beherrscht. Das zeigt sich in der Sprache, die sein Soldat spricht und die immer weicher und fragender wird, der Interpunktion, die sich von Ausrufezeichen zu Fragezeichen verändert, den Motiven, die sich poetisch durch den gesamten Text ziehen, und in dem befriedigenden Bogen, den die Handlung vollziehen darf.


  • Ich habe eine Ödon von Horvàth Woche. Aktuell lese ich gerade Jugend ohne Gott dazu nächste Woche dann mehr.

    Der ewige Spießer

    Horváth hat schreib hier einen wunderbar sarkastisch-augenzwinkernden Stil, der an eine Art bayerischen Skaz erinnert. Da ich selbst aus München komme, habe ich mich deshalb sofort zu Hause gefühlt, und zwar nicht nur im Ton, sondern auch in den Figuren, die er beschreibt.

    Die ursprünglich aus den Kurzgeschichten „36 Stunden” und „Der ewige Spießer” bestehende Erzählung ist das vernichtende Porträt eines Menschentypus, der auch heute noch den Kern unserer Gesellschaft bildet. Horváth kritisiert die kleinbürgerliche Mitte der Gesellschaft, die von Abstiegsängsten, Opportunismus, Egoismus, Rassismus und anderen -Ismen geplagt ist und blind Ideologien hinterherläuft, ohne diese zu verstehen oder deren Folgen abschätzen zu können. Dies ist aber deshalb keine reine Anklage gegen den spießigen Mittelstand. Zwischen den Zeilen können wir lesen, dass es da mehr gibt, dass das System den Spießer braucht, wie der Spießer das System braucht.

    Anhand von Fräulein Pollingers Geschichte zeigt Horváth die vernichtende Macht unserer patriarchalen Gesellschaft. Am Beispiel von Kobler zeigt er den Opportunismus und die wandelbare Moral, die der Kapitalismus von seinen Subjekten verlangt. Reithofer ist der Einzige, der uns ein wenig Hoffnung auf Solidarität gibt, wenn auch leider zulasten von Fräulein Pollingers starker feministischer Darstellung. Doch auch das ist realistisch: Minderheiten können in unserer Gesellschaft ohne die Unterstützung von (weißen) Männern nicht gewinnen.

    Ödon von Horváth war ein weitsichtiger Mensch. Das beweist er eindrücklich: So diagnostiziert und beschreibt er hellsichtig den Aufstieg des Faschismus in Deutschland und die Kräfte, die später einmal im Zweiten Weltkrieg gipfeln würden, und von denen man auch heute leider wieder einige in unserer Gesellschaft finden kann.

    Der ewige Spießer ist immer noch unter uns.

    Geschichten aus dem Wiener Wald

    Wie schon in „Der ewige Spießer” zeigt Horváth auch in seinen „Geschichten aus dem Wiener Wald”, dass er ein weitsichtiger Meister der Sprache war. Geschickt verflicht er hochdeutsche Bildungssprache und Wiener Dialekt zu einem Kunstwerk, das die Ignoranz und den Faschismus der Sprechenden immer wieder durchblicken lässt. Untermalt von Walzermelodien zermalmt das Patriarchat hier das Leben einer jungen Frau, die nichts weiter verbrochen hat, als ihre eigenen Entscheidungen treffen zu wollen. Das Setting des Dramas, die gemütliche und nette Welt des 8. Wiener Bezirks, bildet einen starken Kontrast zu Mariannes tragischem Abstieg. Durch diese Doppeldarstellung von heiler Welt und Untergang werden die vermeintliche Normalität und die bürgerlich-hohle Sittlichkeit der Spießbürger als unmenschlich und dumm enttarnt. Horváth nimmt sich die kleinbürgerliche Idylle der Wiener Gemütlichkeit vor und schlägt sie mit ihren eigenen Waffen. Erich Kästner bezeichnete dieses Werk als „ein Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück”. Treffender lässt es sich nicht sagen.