Wenn der Fischer einen Disstrack raushaut, dann sitzt aber auch jede Punchline XD:

Dieter Nuhr: Kabarettist erzählt Witze fern der Wirklichkeit

Humortheorie

Der Humor ist eine evolutionär, soziologisch und philosophisch ernste Angelegenheit, wie der lachende Mensch seit Langem weiß. Dass die Weinbergschnecke und die Auster Humor haben, ist – Stand heute – unwahrscheinlich. Spätestens vom Primaten an wird es mindestens umstritten. So viel zur Theorie.

Humorpraxis

Dieter Nuhr, ins Rentenalter kommender Berufsjugendlicher, bespielt bekanntlich seit eineinhalb Jahrzehnten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein über die Maßen lustiges Format des sogenannten Kabaretts (»Nuhr im Ersten«) für eine spezielle Klientel. Besonders gern widmet sich der Künstler hier Erscheinungsformen dessen, was ihm am Staat, an der Bürokratie, am Feminismus, Wokismus, Islamismus, Grünismus usw. missfällt. Und das ist so ziemlich alles, was all diese Lowperformer hervorbringen und auch nur die kleinste Chance bietet, einen Minimalwitz zu generieren.

Inhaltliches Kennzeichen des nuhrschen Humors ist es, sich intellektuell gefühlte 10 Meter über den von ihm jeweils als Volltrottel Verhöhnten zu geben und sein dankbares Publikum dorthin mitzunehmen. Das ist, wenn man sich das traut, eine schöne Sache und schafft eine kuschelige Verbindung zwischen Humorist und Auditorium. Natürlich muss man darauf achten, dass man die Leute nicht überfordert. Komplizierte Gedanken, Sarkasmus, Selbstironie oder künstlerische Aufdeckung von Unerwartetem sind daher zu vermeiden.

Nuhr ist beileibe nicht der Einzige, der das schafft. Viele Jahre lang etwa konnte man sich an Urban Priols Lieblingswitz erfreuen, welcher darin bestand, den Namen »Angela Merkel« auszusprechen. Da lachten die Leute. Aber Nuhr hat die Nummer mit dem überpointierten Aussprechen einzelner Worte aus dem von ihm verachteten Ideenkosmos, welche auf einen Abgrund von Dummheit hinweisen sollen, nicht nur ausgebaut, sondern zur One-Trick-Performance optimiert.

Dasselbe gilt übrigens für die Form der Präsentation. Der Vortrag Nuhrs stellt eine wundersame Mischung aus verlangsamtem, überpointiertem Sprechen und der Simulation von Atemlosigkeit dar. Letzteres erzeugt der Humorist dadurch, dass er in Abständen von ungefähr 15 Sekunden und bei jeglicher akustischer Regung des mitfiebernden Publikums so tut, als sei er durch ungläubiges Nachfragen unterbrochen worden. Das ist der Moment, in dem er seinen Vortrag mit einem spontan gerufenen »Ja!« unterbricht und den letzten Halbsatz noch einmal wiederholt. Das erzeugt den Eindruck eines lebendigen, kommunikativen Austausches zwischen Bühne und Zuschauerraum. Demselben Zweck dienen die in nervtötend kurzen Abständen eingeworfenen Worte »ne?« und »nich?«, in welchen zahllose seiner Sätze auslaufen.

Die Spannbreite der Themen ist übersichtlich. Meist geht es um irgendwelche angeblichen Verrücktheiten »linker« Meinungshaber, »woker« Redaktionen, Gruppen, Institutionen und Politiker. Herr Nuhr ist immer genau in der »Mitte«, also da, wo die lebenskluge, mit praktischer Vernunft begabte, von der Kompliziertheit der Welt enttäuschte schweigende (oder auch nicht!) Zuschauermehrheit sich wähnt.

Ein Lieblingsopfer Nuhrs ist die bräsige, kleinkarierte, selbstzufriedene Beamten-Mentalität großer Teile des von ihm beobachteten Volkskörpers und seiner mit »unserem« Geld überbezahlten Verwalter. Das ist ein dankbares, wenngleich biografisch leicht überraschendes Thema für den Sohn eines Regierungsdirektors, dessen eigene Werktätigen-Biografie, wenn man Wikipedia glauben darf, nach Ablauf geraumer Zeit zwischen Abitur, Zivildienst und erstem (!) Staatsexamen »Kunst und Geschichte auf Lehramt« einen frühen Höhepunkt erreichte. Aber das geht vielen ähnlich und ist nicht weiter schlimm, wenngleich die Konvertiten bekanntlich oft die entschlossensten Kämpfer gegen die Irrlehren ihrer Vergangenheit sind.

Kunst

Ich bin, wie Sie dem Vorstehenden entnehmen konnten, kein Anhänger des nuhrschen Humors. Aber die Kunst ist frei – nach dem Wortlaut des Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG sogar ganz ohne Schranken.

Im letzten Jahrzehnt hat sich eine »Comedy«-Szene entwickelt, die sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit und öffentlicher Präsenz der Entlarvung des Umstands widmet, dass »man nichts mehr sagen« dürfe. Der Einzige allerdings, der uns einst sagte, was man nicht sagen dürfe, war der Schmähgedicht-Autor Böhmermann, der das dann allerdings überwiegend doch sagen durfte. Herr Nuhr jedenfalls sagt ganz offensichtlich, was er meint, oder erzeugt jedenfalls glaubhaft diesen Eindruck. Dass, wer sich öffentlich äußert, mit Kritik leben muss, ist selbstverständlich. Jeder macht die Witze, die er kann, und das ist auch gut so.

Eines freilich sollte man dabei beachten: Der schönste Humor hilft nichts, wenn die Tatsachensubstanz nicht stimmt. Hierzu als Beispiel ein Nuhr-typischer Text (phonetisches Transkript aus »Nuhr im Ersten« vom 28. Mai 2026):

»Gott sei Dank haben wir wenigstens noch Geld. Und zwar mehr als genug! Nich? Gucken die Leute. Is aber so. Sonst würden wirs ja nich so raushauen. Nich? In Berlin gibt es eine Initiative, die die Beteiligung aller Organismen an der demokratischen Willensbildung fordert, also auch von Bakterien, Würmern und Viren. Das ist kein Scherz. Gibt es, so was. Kann man auch fordern, is ja auch lustig (lacht demonstrativ), ja!; und vor allem is es erlaubt.

Die Frage is, ob es angesichts unserer Kassenlage nötig war, den Verein mit insgesamt 109.124 Euro staatlich zu fördern, ne? Da fragt man sich: Wer macht das, ne? Ja, das hat die Bundeszentrale für politische Bildung gemacht.

Welchen Zweck hat eigentlich die Bundeszentrale für politische Bildung, ne? Außer dem jetzt natürlich einer Endlagerstätte für ehemalige Politiker? (Lachen, Beifall) Gibt es, gibt es… Ja! Gibt es irgendwo einen einzigen Hinweis darauf, dass irgendwann mal ein Radikalisierter durch die Existenz einer ›Bundeszentrale für politische Bildung‹ zurückgeführt wurde in die Gemeinschaft der Demokraten? Ich glaube nich. Aber is ja auch egal.

Und wenn Sie jetzt sagen: Warum schmeißen die da unser Geld raus? Das is relativ einfach zu erklären: Es is nicht deren Geld! Ja!«

Das ist ein Text, mit dem man, Geschmack hin oder her, weder beim Bachmann-Wettbewerb noch beim deutschen Kleinkunstpreis weit kommt, vom Deutsch-Abitur mal ganz zu schweigen. Muss ja auch nicht sein! Im Spannbereich des ARD-Bildungsauftrags findet ein jedes seinen Platz.

Wahrheit

Der Kabarettist als solcher ist qua definitionem eine Person, welche nach Geschmack, Gutdünken, Weltanschauung oder Erkenntniskraft gefühlter »Wahrheiten« (beispielhaft: Beamte sind unnütz; Politiker sind unfähig; Mehrheiten haben recht) einen wie auch immer aufklärenden Effekt zu erzielen versucht. Das meiner Ansicht nach nicht unterschreitbare Minimum jeglicher denkbarer »aufklärender« Komikerei ist freilich, dass die Pointe auf Wirklichkeit beruht und nicht auf einer ideologisch gesteuerten Täuschung. Diese Anforderung erfüllt der zitierte Text nach meiner Ansicht nicht.

Das Projekt »Organismendemokratie« ist ein von der Künstlergruppe »Club Real« entwickeltes, zuerst in Wien umgesetztes künstlerisch-politisches Projekt, das seit 2020 von einem eingetragenen Verein getragen wird. Der Grundgedanke dieses in mehreren deutschen Städten realisierten Konzepts ist es, in Entscheidungen zum Beispiel über Naturschutz, Stadtentwicklung, Raumordnung und weitere Umweltfragen die Interessen aller in einem bestimmten (Schutz-)Gebiet lebenden Organismen einzubeziehen, und zwar in symbolischen Entscheidungsprozessen, in welchen die nichtmenschlichen Organismen durch menschliche Vertreter repräsentiert werden:

»Alle ins Parlament gelosten Spezies werden durch eine menschliche Person repräsentiert. Diese menschliche Person verpflichtet sich auf die Wahrung der Interessen der gelosten Spezies und der Organismenfraktion. Die Repräsentantin eines Organismus wird auf die Verfassung vereidigt; sie hat das Recht und die Pflicht, Konflikte des Zusammenlebens, Lösungsvorschläge und Gesetzesanträge ins Parlament einzubringen.«

Ziel des Kunstprojekts ist es offenkundig nicht, Viren oder Pilze über Nutzungspläne für Parkanlagen abstimmen zu lassen, sondern symbolisch Denkprozesse über den Umgang mit der Natur anzuregen. Es handelt sich, vereinfacht gesagt, um ein Projekt aus dem Umfeld der Performancekunst, was dem ehemaligen Kunststudenten und Sprechkünstler Nuhr eigentlich mehr wert sein könnte als eine albern verzerrende Darstellung auf dem Niveau der »Welt«-Schlagzeile vom 4. Juni 2026: »Verein spricht Würmern Bürgerrechte zu – und kassiert Steuergeld dafür«.

Die Förderung des Vereins durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beruht auf deren Förderrichtlinien. Zweck der Bundeszentrale ist es,

»Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken« (Erlass über die bpb).

Sie organisiert Bildungsangebote, Tagungen, Ausstellungen usw., unterstützt Projekte der politischen Bildung und fördert die Mitwirkung von Bürgern an politischen Diskussionsprozessen. Sie wurde 1952 als Nachfolgerin der bis 1933 bestehenden »Reichszentrale für Heimatdienst« gegründet und wird hinsichtlich der Ausgewogenheit ihrer Aktivitäten von einem Kuratorium des Deutschen Bundestags überwacht.

Dass dem Beamtensohn und ehemaligen Geschichts-Lehramtsstudenten Nuhr nichts Besseres einfällt als eine absurde Verdrehung zur Schmähung der Institution, mag seinerseits dem Bereich der – hier öffentlich-rechtlich »zwangsfinanzierten« – Kunst angehören, ist aber, wenn schon nicht preiswert, so doch jedenfalls billig. Das Publikum hat jedenfalls einmal mehr ebenso herzlich wie hämisch gelacht.

Herrn Nuhr kann die Lektüre der Bundestags-Drucksache 21/5387 empfohlen werden: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der AfD über Zuwendungen des Bundes an öffentliche und private Empfänger. Da findet er noch ein paar Hundert weitere Anregungen für geistreiche Scherze. Jeder, wie er kann.

  • Herr_S_aus_H@lemmy.zip
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    11 days ago

    Schöner Text. Wird nur leider nicht die erreichen die er erreichen sollte. In jedem Fall ist Herr Nuhr echt die fleischgewordene Antithese zu jeder Form von vermuteter cancle-culture.

    • FatVegan@leminal.space
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      11 days ago

      Er ist genau der typ der cancel culture die schuld für deine Irrelevanz gibt, und nicht versteht das er vielleicht einfach nicht lustig ist.